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Ruderverein Dorsten e.V.


Goldene Momente in Racice - EM Sieg für Charlotte Reinhardt - 01.06.2017

Was für ein Wochenende liegt da hinter uns? Mit gleich vier Ruderern, die ihre Heimat in Dorsten haben, startete der Deutsche Ruderverband in die Europameisterschaften in Racice. Alleine diese Tatsache sorgte bei Co-Trainer Mark und mir schon für eine riesige Vorfreude.

Ob in Eton, Trakai, Linz, Amsterdam, Aiguebelette, Rio de Janeiro, Rotterdam, Luzern, Henley oder jetzt in Racice - es gab nur wenige internationale Starts unserer Ruderer, bei denen Mark und ich nicht zumindest für die Finalrennen vor Ort waren. So saßen wir Samstagmittag, pünktlich zu den Halbfinalrennen bzw. den Hoffnungsläufen auf der Tribüne am Ruderkanal in Racice, einer etwas lieblos wirkenden Anlage im Schick der 80er Jahre.

Der DRV war in Racice mit einer sehr jungen und im A-Bereich unerfahrenen Crew angetreten, die sich bei den Deutschen Kleinbootmeisterschaften im April jedoch durch Leistung aufgedrängt hatten und nun ihre teils ersten Erfahrungen auf der "großen Bühne" machen sollten. Mit Vorhersagen und Medaillenchancen hielt sich sogar Cheftrainer Marcus Schwarzrock im Vorfeld deutlich zurück, lediglich vom neu formierten Deutschlandachter erwartete man den Sieg.

Im Vierer ohne Steuermann trat Christopher Reinhardt (19) zusammen mit Paul Gebauer (21), Wolf Niclas Schröder (20) und Finn Schröder (23) an. Eine sehr junge und hungrige Crew, die nun behutsam an die Spitze herangeführt werden soll. Gleich im Vorlauf am Freitag legte diese Crew los und führte das Feld in einem schnellen Rennen auf der ersten Streckenhälfte an. Letztendlich reichte Platz 3 hinter Italien und Spanien für die direkte Qualifikation für das Halbfinale. Hier ging es gegen Russland, Rumänien, Spanien, Litauen und die den Vierer seit Jahrzehnten beherrschenden und amtierenden Olympiasieger aus Großbritannien. Russland führe das Feld vom Start weg an, dahinter innerhalb einer Luftkastenlänge ein Dreikampf um die zweite und dritte Position, bei dem es für die Deutschen um Christopher Reinhardt lange sehr gut aussah. Auf den letzten Schlägen schlug dann jedoch das lange schwächelnde "Empire" um Olympiasieger Mo Sbihi zurück und schob sich vor das Boot aus Rumänien und Deutschland - 3/100 fehlten zum Einzug ins Finale und fast hätte man die Olympiasieger rausgekickt.

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der M4- auf der Strecke

Das B-Finale am Sonntag war dann eine souveräne Vorstellung der "Young Guns" aus dem Stützpunkt in Dortmund. Mit einem Start-Ziel-Sieg erreichte diese Crew zum Einstand einen fantastischen siebten Platz.


ein Gruß von Christopher (mitte)

knappes Halbfinale

im B-Finale zum Sieg

Nervöser als sein Sohn Jason war Mark Osborne vor dessen Rennen. Freitag hatte Jason mit seinem neuen Partner, Lucas Schäfer, bereits den Vorlauf im Leichtgewichts-Doppelzweier souverän vor Großbritannien gewonnen. Das Halbfinale gegen die Olympiasieger aus Frankreich und die Silbermedaillengewinner auf Irland beendeten Schäfer/Osborne als Dritte, 1/100 hinter den Iren, in einem Wahnsinnsrennen mit viel Biss und Kampf. Das erste Ziel - Teilnahme am A-Final - war erreicht. Doch der harte Kampf hatte Kraft gekostet. Platz 5 im Finale A war dennoch ein mehr als gelungener Einstand für diese neue Mannschaft, der für zufriedene Gesichter bei Familie Osborne sorgte.

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Jason Osborne (Schlag) und Lucas Schäfer

Was dann folgte hätte ich mir im Vorfeld niemals ausgemalt. Im Herbst des vergangenen Jahres verkündete mir Charlotte Reinhardt ihren Wechsel in den Frauen-Skull Bereich. "Sebastian, ich will auch mal was gewinnen" war ihre sicherlich nachvollziehbare Motivation. Nach einem langen Urlaub in Neuseeland folgte ein motivierter Einstieg ins Training, dann eine dreimonatige, verletzungsbedingte Zwangspause, die einen Start bei der Herbstlangstrecke unmöglich machte. Mitte Februar saß Charly wieder im Boot, im März folgte dann die DRV Langstrecke mit Ergotest in Leipzig. Bestzeit auf dem Ergo - Platz 2 auf den 6000 m im Einer, hinter Olympiasiegerin Annekatrin Thiele. "Da passiert was", dachte ich mir. Dann die Kleinbootmeisterschaften in Krefeld. Platz sieben, vier mutige und starke Rennen im Einer. Diese Auftritte waren auch Bundestrainer Marcin Witkowski nicht entgangen. Diesen hatte der DRV aus Polen engagiert, er holte 2016 in Rio Gold mit dem polnischen Frauen-Doppelzweier. Es folgte die Nominierung zu den Lehrgängen der Nationalmannschaft - im erfolgsverwöhnten deutschen Frauen-Skullbereich.

Nach guten, aber ausbaufähigen Auftritten bei der Hügelregatta in Essen folgte die Nominierung für die EM. Zusammen mit Frida Hämmerling, Frauke Hundeling und Daniela Schultze sollte Charlotte den Doppelvierer bilden, eben das Boot, welches 2016 in Rio Olympiagold holte. Die einzige verbliebene Athletin, die eben darin den Sieg holte, war Annekatrin Thiele, die sich bei der EM in Racice im Einer versuchte und Bronze gewann. Der neu formierte Doppelzweier mit Nwajide/Leiding schlug sich mit Platz 4 ebenfalls achtbar.

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Der Frauenvierer auf der Strecke, Charlotte auf Platz 2

Neun Boote hatten im W4x gemeldet. Den Vorlauf, den Charlotte und Co. erwischten, war schwer - erwartungsgemäß waren hier die Britinnen und die Niederlande favorisiert, die mit den ersten beiden Plätzen auch direkt ins Finale einzogen. Platz 3 bedeutete den Umweg über den Hoffnungslauf am Samstag für die unerfahrene deutsche Crew, den diese dann unter den Augen von Mark und mir am Samstag souverän gewannen.

Im Finale am Sonntagmittag ging es erneut gegen Großbritannien und die Niederlande, sowie gegen Frankreich, Rumänen und Belarus. Vom Start weg setzte sich das junge deutsche Quartett gut ab und lag bei 500 m mit etwa einem halben Luftkasten in Führung vor den Niederländerinnen. Es blieb ein enges Rennen, bei 1000 m betrug der Vorsprung dann etwa 1 Sekunde. Die Spannung auf der Tribüne stieg, mich hielt es kaum auf den Sitzen. Sollte das etwa die erste Medaille für den DRV an diesem Tag werden? Bei 1250 m fing ich vorsichtig an daran zu glauben, guckte auf den neben der Strecke befindlichen Großbildtafeln immer wieder auf die Schlagzahl und die Bootsgeschwindigkeit. "Bloß nicht nachlassen", dachte ich mir. Der Vorsprung blieb bei 1500 m stabil und die letzte Attacke der Niederländerinnen, die inzwischen von den stark spurtenden Britinnen angegriffen wurden, konterte die deutsche Crew um Schlagfrau Frida Hämmerling entschlossen. Neben mir staunte Bruder Christopher genauso sprachlos wie ich. "Die schaffen das - das gibt's doch gar nicht", vermochte ich noch zu hören. Im 06:24.080 ging der Bugball des deutschen Doppelvierers auf Bahn 6 als erstes über die Ziellinie, dahinter die Niederlande in 06:25.630 vor Großbritannien in 06:26.540. Deutlich dahinter die Boote aus Polen, Frankreich und Belarus.

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Zieleinlauf

Im Boot grenzenloser Jubel, denn nach und nach realisierten die deutschen Damen, dass sie soeben Europameisterinnen geworden waren. Was mir in diesen Moment durch den Kopf ging, kann ich nicht in wenigen Zeilen niederschreiben. Zusammen mit Christopher eilte ich in den Bereich hinter den Zielturm, wo sich die siegreichen Mannschaften zur Siegerehrung aufstellten. Erste Glückwünsche gab es von DRV-Präsident Siegfried Kaidel und Sportdirekter Mario Woldt. Als Charly, Frida, Dany und Frauke den Steg hochkamen, guckten die vier genauso ungläubig wie wir. Das ZDF wartete bereits mit Reporter und Kamera, auch die Presseabteilung des DRV machte erste Kurzinterviews - plötzlich stand Charly mitten im Rampenlicht.

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ungläubiger erster Jubel

Viele Worte konnten wir nicht wechseln, eine lange Umarmung, kurze Glückwünsche und grenzenloser Stolz. Bei der Siegerehrung vor der rappelvollen Haupttribüne flossen Freudentränen. In mir lief ein Film, der seinen Anfang im Jahr 2012 bei der U23 WM in Trakai nahm. Ich durchlebte alle Höhen und Tiefen der letzten 5 Jahre - Bronze mit dem U23 Achter in Linz 2013, EM Bronze mit dem A-Frauenachter in 2014, die tiefe Enttäuschung nach dem 10. Platz in Aiguebelette 2015, die verpasste Nachqualifikation für die Olympischen Spiele in Luzern und die Bronzemedaille im Vierer bei der WM 2016 und nun Gold bei der EM im Frauen-Doppelvierer. Während die Nationalhymne gespielt wurde, trafen sich unsere Blicke immer wieder - und plötzlich war er wieder da. Einer dieser "Special Moments" die du nur ganz selten im Trainerleben hast. Der Moment wo dir Luft und Stimme wegbleiben - Momente größtmöglicher Bestätigung, Momente voller Energie, Momente aus denen ich so unglaublich viel Motivation schöpfe. Momente wie in Eton 2011, Linz 2013 und Rio de Janeiro 2015.


Siegerehrung

da strahlt nicht nur die Sonne

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der erfolgreiche W4x mit Coach Marcin Witkowski

Auf der Rückfahrt reflektierten Mark und ich das Regattawochenende. Mit Timo Piontek, der abschließend mit Max Appel im Doppelzweier auf den vierten Platz fuhr, starteten vier Ruderer auf einer Europameisterschaft, die ihre Wurzeln alle beim RV Dorsten haben.

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Timo Piontek (Schlag) und Max Appel

Sieben Stunden Rückfahrt waren viel Zeit zum Träumen. Nicht auszumalen, wenn diese Entwicklung über die nächsten Jahre anhält. Es wird auf dem Weg zu den ganz großen Wettkämpfen auch Rückschläge geben, das ist bei jungen Mannschaften normal. Damit umzugehen und wieder neue Motivation zu schöpfen - darin liegt die Stärke.

Für die jungen Dorstener geht's nun weiter. Vom 15.-18. Juni findet in Posen der nächste Weltcup statt, Mitte Juli dann der Weltcup in Luzern. Spätestens danach haben wir Gewissheit, wer bei den Weltmeisterschaften teilnimmt, die Ende September in Sarasota/Florida stattfinden.

Bericht: Sebastian Schmelzer - alle Fotos: DRV/Seyb